Warum Ruhe manchmal erst unruhig macht
Endlich Feierabend.
Du hast den ganzen Tag funktioniert, Dinge erledigt, gearbeitet, organisiert, vielleicht noch eingekauft, gekocht oder dich um andere gekümmert.
Jetzt könntest du eigentlich zur Ruhe kommen.
Du setzt dich auf die Couch und plötzlich geht es los.
Der Kopf wird laut.
Dir fällt ein, was du noch erledigen musst.
Du gehst Gespräche vom Tag noch einmal durch.
Dein Körper fühlt sich angespannt an, obwohl du doch gerade gar nichts mehr tun musst.
Und manchmal entsteht sogar das Gefühl: Solange ich beschäftigt war, ging es mir eigentlich besser.
Das klingt zunächst widersprüchlich.
Ist es aber gar nicht.
Dein Körper hat keinen Ein-Aus-Schalter
Wir erwarten manchmal ziemlich viel von unserem Körper.
Den ganzen Tag soll er funktionieren, reagieren, konzentriert bleiben und mit allem umgehen, was auf ihn einprasselt. Und sobald wir Feierabend haben, soll er bitte innerhalb weniger Minuten verstehen:
So. Jetzt ist Ruhe.
Nur funktioniert unser Nervensystem nicht auf Knopfdruck.
Wenn du über Stunden angespannt, konzentriert oder ständig mit etwas beschäftigt warst, kann dein Körper nicht immer im selben Moment umschalten, nur weil du dich auf die Couch setzt.
Die äußere Ruhe ist plötzlich da.
Die innere Ruhe vielleicht noch nicht.
Warum wir die Unruhe oft erst in der Ruhe bemerken
Solange wir beschäftigt sind, ist unsere Aufmerksamkeit im Außen.
Der nächste Termin.
Die Arbeit.
Eine Nachricht.
Der Einkauf.
Die Kinder.
Der Haushalt.
Noch schnell dieses und jenes.
Es gibt ständig etwas, worauf wir reagieren. Fällt das plötzlich weg, nehmen wir wieder stärker wahr, was in uns selbst passiert.
Die Gedanken waren vielleicht vorher schon da. Die Anspannung möglicherweise auch. Wir hatten nur keine Zeit, sie wirklich zu bemerken.
Deshalb macht Ruhe nicht zwangsläufig unruhig.
Manchmal macht sie nur sichtbar, wie viel Unruhe vorher schon da war.
Und dann soll Entspannung auch noch funktionieren
Jetzt hast du endlich Zeit für dich. Also möchtest du diese Zeit natürlich auch genießen.
Doch statt Entspannung sitzt du da und denkst:
Warum kann ich nicht abschalten?
Warum denke ich schon wieder so viel?
Warum kann ich nicht einfach entspannen?
Und plötzlich wird auch die Ruhe zur Aufgabe.
Ich muss jetzt runterfahren.
Nur erzeugt dieses Müssen häufig genau das Gegenteil von dem, was wir eigentlich möchten.
Deshalb halte ich auch wenig von allgemeinen Ratschlägen wie „Du musst einfach mehr entspannen“. Wenn es so einfach wäre, hätten vermutlich deutlich weniger Menschen ein Problem damit.
Vielleicht brauchst du keinen Entspannungstrick, sondern einen Übergang
Zwischen einem vollen Tag und Ruhe liegen manchmal nur wenige Minuten. Gerade noch Laptop, Telefon, Arbeit, Termine oder Haushalt – und dann soll der Körper bitte direkt in den Feierabendmodus wechseln.
Dabei kann es helfen, einen Übergang zu schaffen.
Und der muss überhaupt nicht spektakulär sein.
Vielleicht wechselst du nach der Arbeit bewusst die Kleidung.
Du gehst noch eine kleine Runde nach draußen.
Du duschst.
Machst dir einen Tee.
Hörst ein bestimmtes Lied.
Öffnest für ein paar Minuten das Fenster.
Oder verwendest einen Duft, den du gerne magst.
Solche kleinen Rituale lösen nicht auf magische Weise Stress oder Anspannung auf. Aber wiederkehrende Abläufe können Orientierung geben.
Sie markieren einen Wechsel: Das eine ist jetzt vorbei. Etwas anderes beginnt.
Welche Rolle können Düfte dabei spielen?
Unser Geruchssinn ist eng mit Bereichen des Gehirns verbunden, die an Emotionen und Erinnerungen beteiligt sind.
Das kennen wir wahrscheinlich alle. Ein Geruch taucht auf und plötzlich ist eine Erinnerung da. Vielleicht an einen Menschen, einen Ort, eine bestimmte Jahreszeit oder eine Situation, an die wir gerade überhaupt nicht gedacht haben.
Genau deshalb können Düfte auch Teil eines persönlichen Rituals sein.
Wenn du einen Duft gerne magst und ihn immer wieder bewusst in einer bestimmten Situation verwendest, kann er mit diesem Moment verbunden werden.
Zum Beispiel mit dem Übergang vom Arbeitstag in den Feierabend oder mit deiner Abendroutine.
Aber genau hier ist mir etwas wichtig:
Es gibt nicht den einen Duft, der jeden Menschen entspannt.
Was für einen Menschen angenehm ist, kann ein anderer überhaupt nicht mögen. Ein Duft kann schöne Erinnerungen hervorrufen – oder eben unangenehme.
Deshalb halte ich wenig von pauschalen Empfehlungen nach dem Prinzip:
Problem X = Duft Y.
Entscheidend ist immer auch der Mensch, der diesen Duft riecht.
Ein Ritual muss nicht nach Wellness aussehen
Beim Wort Ritual denken manche vielleicht sofort an Kerzen, Räucherstäbchen und eine halbe Stunde absolute Stille.
Kann man machen.
Muss man aber nicht. 😉
Entscheidend ist nicht, ob es besonders schön aussieht oder sich gut auf Instagram verkaufen lässt.
Es sollte zu dir und deinem echten Alltag passen.
Denn ein Ritual, für das du jeden Abend erst dein halbes Leben umorganisieren musst, wird wahrscheinlich nicht lange Teil deines Alltags bleiben.
Ruhe darf unterschiedlich aussehen
Vielleicht liegst du nicht tiefenentspannt auf der Couch.
Vielleicht wandern deine Gedanken noch eine Weile.
Vielleicht brauchst du Bewegung, bevor Sitzen angenehm wird.
Das bedeutet nicht automatisch, dass du „nicht entspannen kannst“.
Und du musst auch nicht lernen, innerhalb von fünf Minuten vollkommen ruhig zu werden.
Manchmal reicht es zunächst zu verstehen:
Mein Körper braucht gerade noch ein bisschen Zeit, um dort anzukommen, wo mein Tag längst angekommen ist.
Genau dieses individuelle Hinschauen ist auch ein wichtiger Teil meiner Arbeit bei Slow Sence.
Nicht jeder Mensch braucht dasselbe.
Nicht jeder Duft passt zu jedem.
Und nicht jedes Ritual funktioniert in jedem Alltag.
Deshalb geht es für mich nicht darum, dir die nächste allgemeine Anleitung zum Entspannen zu geben. Sondern darum, Wissen zu vermitteln und Möglichkeiten zu zeigen, aus denen du herausfinden kannst, was zu dir passt und dir im Alltag tatsächlich guttut.
Denn manchmal beginnt Veränderung nicht mit dem nächsten Tipp.
Sondern damit, zu verstehen, warum etwas gerade so ist.
Ein Hinweis noch: Wenn dich die Unruhe über längere Zeit begleitet, du schlecht schläfst oder die Anspannung kaum noch nachlässt, lass das bitte auch ärztlich abklären. Düfte und Rituale können den Alltag unterstützen, ersetzen aber keine medizinische Abklärung.

Endlich spricht das jemand an, danke liebe Dagmar. Immer das „müssen“. Es ist oft nicht einfach. Da entsteht dann schon ein gewisser Druck. Mich hat es auch genervt. Danke für deine Tipps.
Sandra🌸